Der Kettenbrief des Todes 8

Die meisten Menschen legen ein Gelübde ab, um Gott, seinem Werk oder beidem zu dienen. Ismael Walker hatte seines abgelegt, um Gottes Gesetz zu untergraben und sein Werk zu zerstören. Ismael ritt in gemächlichem Trab westwärts. Er war ein gläubiger Mann. Er glaubte an Gott. Er fürchtete ihn nur nicht. Er hatte seine eigene Sicht auf die Dinge. Zum einen glaubte er nicht, dass Gott gerecht ist. Zum anderen hielt er Hiob für einen Schwächling. Und so gelobte Ismael einst Gott, nachdem sein Haus und seine Frau von einer Horde Betrunkener in Brand gesteckt worden war, dass er so lange Menschen den Tod bringen werde, bis er den Verantwortlichen für seinen Verlust gestellt hätte. Ismael kannte den Namen des Mannes, der die jungen Burschen für die Brandtat bezahlt hatte. Er hatte nur ganze zwei Jahre gebraucht, um diesen Mörder ausfindig zu machen. Zwei Jahre, in denen Ismael wie ein Mordengel durch drei Staaten gezogen war und siebenundneunzig Menschen den Tod gebracht hatte. Ismael ritt westwärts, und sein letztes Opfer lag zwei Meilen hinter ihm neben den glühenden Überresten eines Lagerfeuers. Der Name des Jungen war Tony-Joe gewesen, und Ismael hatte ihn aus keinem besonderen Grund erschossen. Einzig sein Gelübde hatte ihn dazu veranlasst, dem Jungen ein Loch zwischen die Augen zu schießen. Daran hätte sich Ismael eigentlich gewöhnt haben sollen, aber dieses mal kam ihm seine Tat merkwürdig sinn- und belanglos vor. „Vielleicht stellt mich ja Gott auf eine Probe.“ Bei diesem Gedanken kicherte Ismael kurz kleinkindisch auf. Vielleicht, so dachte er weiter, vielleicht bedeutet aber die Tatsache, dass ich mein Tun in Frage stelle, dass ich meinem Ziel sehr nahe gekommen bin. Vielleicht ist ja Teilnahmslosigkeit der sicherste Hinweis darauf, dass ein großes Werk zu seiner Vollendung hinstrebt. Wer weiß, ob ein Meister nicht nur deshalb ein Bild für vollendet erachtet, weil es ihn langweilt. „Es ist vollbracht,“ sagt dann der Meister, nur aus dem Grund, weil es besser klingt als: „Es langweilt mich“. Das würde nämlich der Bedeutung des Werkes erheblich schaden, so dachte Ismael Walker. Diese Gedanken jagten ihm einen beklemmenden Schrecken ein. Seit zwei Jahren dachte er an nichts anderes, als dem Verantwortlichen seines Verlustes den Garaus zu machen. Mit fiebriger Vorfreude sehnte er diesen Augenblick herbei, da er Cunninghams Augen fixieren würde. Er hatte es sich wieder und wieder vorgestellt, wie er die Angst in den Zügen seines Gegners ausmachen würde. Er hatte sogar gehofft, Cunninghams Angst riechen zu können. Und nun sah sich Ismael der Möglichkeit gegenüber, dass ihn die Todesfurcht Cunninghams langweilen könnte. Und eine unsägliche Wut stieg in ihm auf. Seaun Finnigan beförderte das letzte seiner Schweine mit einem Tritt in das holzumzäunte Gehege, hievte das Gatter zu und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann kramte er in den Taschen seiner Hose und befördert ein frisches, säuberlich in Pergament verpacktes Stück Kautabak hervor. Davon biss er ab. Er atmete einmal tief durch und kaute genüsslich dreimal auf dem Klumpen herum, bevor er inne hielt. Er glaubte den Trab eines Pferdes hinter sich gehört zu haben. Er drehte sich um und sah den Reiter auf sich zu kommen. Seaun wartete, bis der Mann auf dreißig Fuß zu ihm herangekommen war, dann rief er: „Was gibt’s Neues, Fremder?“ „Die Sonne steigt, die Sonne sinkt,“ antwortete der bärtige Alte. „Wo bin ich denn hier?“ „Wo wollen Sie denn hin?“, fragte Seaun. Der Alte schien zu überlegen. Für einen Verlorenen macht er einen denkbar wenig verwirrten Eindruck, dachte Seaun. Dann entschloss sich der Alte zu antworten. „Ich suche einen Mann namens Cunningham. Sollte hier ein Begriff sein, nach allem, was ich weiß.“ Seaun spuckte aus. „Darauf können Sie wetten, dass Cunningham hier ein Begriff ist. Gott segne diesen Mann. Ich würde jetzt Brennnesseln essen, wenn Cunningham mir nicht mein eigenes Land verpachtet hätte. Gott schütze diesen edlen Boten Gottes.“ „Dann ist das hier sein Land?“, fragte der Fremde. „Yup!“, antwortete Seaun. „Und er wohnt weiter in diese Richtung?“, fragte der Fremde und deutete nach Westen. „Yup!“, antworte Seaun. Doch irgendetwas an der Art des Fremden bereitete ihm ein Unwohlsein. Und als er in den Lauf eines Colts schaute, wusste Seaun, dass ihn sein Gefühl nicht getäuscht hatte. „Was soll das denn jetzt?“, fragte Seaun. „Das ergibt doch keinen Sinn!“ Der Alte lächelte. „Mein Sohn, nichts ergibt einen Sinn.“ Und dann löschte der Fremde mit einem Zug Seauns Leben aus. Das hatte Seaun sich anders vorgestellt. Er war pleite gewesen. Seine Schweine wären fast verhungert, doch dann hatte ihn Cunningham aufgekauft, ihn angestellt, und alles war zum Besten verlaufen. Und nun war er tot. Nur weil er Cunninghams Namen gepriesen hatte. Aber so war nun mal der Wilde Westen. Die einen hatten nichts und fanden Gold; die anderen hatten Schweine und fanden den Tod. Buchhaltung wird halt nicht mit dem Colt gemacht.

Der Kettenbrief des Todes 7

Die Zeiten, in denen Ismael Walker nach den Regeln der Heiligen Schrift lebte, gehörten längst der Vergangenheit an. Der immerwährend lenkende Klugscheißer, um den sich die Geschichten in dem dicken Buch drehten, hatte ihn betrogen. Er hatte ihm seine Frau genommen. Sie war im Haus gewesen, als es von einer Horde betrunkener Taugenichtse niedergebrannt worden war. Der dumme Hund namens Gott hatte ihn also um seine Frau betrogen, denn Ismael Walker hatte sich bis dahin immer an die Regeln gehalten. Und es gab einfach keinen guten Grund dafür, nach den Regeln eines Betrügers zu leben. Also lebte er von da an nach seinen eigenen.
Vor drei Tagen war Ismael an diesem Bahnhof in dieser Stadt angekommen. Heute konnte er sich einmal mehr an den Namen dieses Nests erinnern, aber vor drei Tagen fand er es noch bemerkenswert, dort auszusteigen, denn er war vorher noch nie dort gewesen. Aber eigentlich war das nichts besonderes, fand er jetzt. Schließlich steigen jeden Tag irgendwo Menschen aus einem Zug, in Orten, in denen sie vorher nie gewesen sind. Das ist ganz normal. Es gibt schließlich mehr Ort, die man nicht kennt, als solche, die man kennt. Schließlich brachte ihn jeder einzelne Schritt des Pferdes, auf dem er saß, an einen Ort, den er nicht kannte. Das Problem war nur, dass sich die Orte alle zu sehr ähnelten. Dieser Weg kam ihm auch bekannt vor. Der selbe Staubgeruch, die selbe sengende Hitze, der selbe Himmel über ihm. Selbst das Pferd, auf dem er erst seit drei Tagen ritt, war genauso genügsam, wie all die anderen Pferde, auf denen er vorher geritten war. Der Alte Mann war in seiner Allmacht leider nicht allzu phantasievoll. Vielleicht hängt es ja mit dem Alter zusammen, dass man seine Phantasie verliert. Ismael hatte schließlich selbst nicht einmal mehr Träume. Und er war erst neunundvierzig.
Mit diesen Gedanken vertrieb er sich die Zeit. Seit drei Tagen hatte er schließlich niemanden, mit dem er sich hätte unterhalten können, außer sich selbst. Und die Umgebung bot seit drei Tagen keine Abwechslung, so dass er kaum ein anderes Thema fand, außer sich selbst.
Ismael war gerade dabei, über seine Kindheit nachzudenken, als er an eine Weggabelung kam. Eigentlich war es keine Gabelung, denn der Weg gabelte sich nicht. Es war vielmehr so, dass zwei Wege zu einem Weg zusammenliefen. Wäre er aus der entgegengesetzten Richtung gekommen, dann wäre es eine Gabelung gewesen. Dann hätte er nachdenken können, welchen Weg er hätte nehmen sollen. So konnte er nur darüber nachdenken, wie man eine Weggabelung nennt, wenn man aus Richtung einer der Gabelausläufer kommt.
Er hielt sein Pferd an, um über dieses Problem nachzugrübeln. Er stieg ab. Er trank und gab seinem Pferd zu trinken. Dann hörte er den Reiter. Er kam aus der Richtung des anderen Gabelausläufers. Nicht schnell. Nicht kontrolliert. Er schien die Zügel lose zu halten und seinem Pferd das Kommando übergeben zu haben.
Ismael stellte sich in den Schutz seines Pferdes und wartete. Gesellschaft oder Schusswechsel? Egal, das eine wie das andere ist eine Abwechslung, dachte Ismael.

Tony-Joe sah den Fremden zu spät. Er war zwanzig Fuß von ihm entfernt, als er aufsah. Der Fremde hätte ihn bequem aus dem Sattel schießen können – wenn er gewollt hätte. Dass er es nicht getan hatte, ließ Tony-Joe Vertrauen fassen.
„Howdy, worauf warten Sie?“, fragte Tony-Joe, als er näher kam. Der Fremde entpuppte sich bei näherem Hinsehen als netter alter Mann. Jedenfalls hatte er weißes Haar, einen grauen Bart und wache, gutmütige Augen. Könnte eine gute Begleitung für die letzten Meilen bis zu Cunninghams Ranch sein. Tony-Joe schaute gen Himmel und musste feststellen, dass er den restlichen Ritt gar nicht bei Tageslicht schaffen würde. Dann stoppte er sein Pferd und lächelte zu dem Alten herunter.
„Howdy,“ sagte der Alte. „Weiß selbst nicht so genau, worauf ich warte. Vielleicht, dass mir die Sonne endlich wieder aus dem Arsch scheint. Vielleicht habe ich aber nur auf dich gewartet, junger Mann, denn eine andere Stimme als die in meinem Kopf ist mir gerade höchst willkommen.“
Tony-Joe lachte. „Schon lange unterwegs, wie? Woher kommen Sie?“
„Hab’ ich vergessen.“
„Und wohin reiten Sie?“
„Ganz ehrlich? Ich bin mir nicht sicher!“
Tony-Joe lachte nochmals. Dann sah er zur Sonne. „Schön,“ sagte er. „Dann können Sie mir genau so gut Gesellschaft leisten. Ich wird’s nicht schaffen vor Einbruch der Nacht. Haben Sie was zu essen?“
„Worauf du einen lassen kannst, mein Sohn.“
„Schön. Ich habe Kaffee.“
Sie bewegten ihre Pferde hinter die Kuppe eines Hügels und machten Feuer.

Der Kaffee und die Mahlzeit belebten Tony-Joe. Sie bewirkten aber auch seine Ausnüchterung. Er dachte an seine Kumpane, die er einige Stunden zuvor verloren hatte. Einen hatte er sogar selbst erschossen. Ihm wurde übel bei dem Gedanken, und deshalb ging er ein paar Schritte und übergab sich. Dann kehrte er zurück und ließ sich wieder neben dem Alten am Lagerfeuer nieder.
Ismael blies in seine Tasse und trank einen Schluck Kaffe, bevor er fragte: „Wo drückt den der Schuh, mein Sohn?“
„Haben Sie schon einmal jemanden erschossen?“
„Yup,“ antwortete Ismael. „Ich habe verloren, und ich habe genommen. Ein Indianer erzählte mir mal, so würden sich die Dinge ausgleichen. Aber wenn Du mich fragst: Das ist ganz einfach der Lauf der Dinge.“
Tony-Joe schüttelte den Kopf. „Verloren habe ich nie etwas. Ich habe nur genommen, schätze ich. Bin mal gespannt, wie sich das ausgleichen wird.“ Und dann erzählte er alles, was sich in dem Saloon in Hill City zugetragen hatte.
Als er fertig war, schaute Ismael den Jungen lange an. Dann zog er seinen Colt und zielte Tony-Joe zwischen die Augen.
Tony-Joe lachte schon wieder. „Das ist nicht Ihr Ernst,“ sagte er.
„Doch, Junge, das ist es.“
„Aber warum?“
„Um deine Rechnung auszugleichen, würde der Indianer sagen. Aber ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung. Eine alte Angewohnheit, schätze ich.“
Mit diesen Worten schoss Ismael in das verwirrt guckende Gesicht des Jungen.
Es war das erste mal, dass Ismael Mitgefühl für sein Opfer hatte. Niemand will hören, dass sein Tot völlig sinnlos ist. Es macht einen so wertlos.
Aber so war halt der Wilde Westen. Irgendwie gingen die ganzen Rechnungen nicht auf. Todesfälle gleichen sich nicht aus. Buchhaltung wird halt nicht mit dem Colt gemacht.

Der Kettenbrief des Todes 6

Eigentlich wollte Elijah Sharpknife in das Büro des Sheriffs von Hill City. An seinem Sattel waren drei Leinensäcke befestigt, und in diesen Säcken steckten drei Köpfe. Dafür wollte er Geld – Kopfgeld – einkassieren. Einer der Köpfe gehörte mal dem Jungen, der den Sheriff von Hill City erschossen hatte, und vielleicht war das auch der Grund, weshalb das Büro des Sheriffs von Hill City geschlossen war.
Elijah blinzelte in die Sonne, verscheuchte eine Fliege aus seinem Gesicht und lenkte dann sein Pferd zum Saloon. Er wollte sich erfrischen. Er wollte eine Limonade trinken, vielleicht einen Whiskey – und er wollte sich erkundigen, wer die Geschäfte des Sheriffs übernommen hatte. Er hätte sich besser etwas anderes vornehmen sollen. Denn erstens war das Wetter viel zu schön, um sich in einem düsteren Saloon rumzutreiben, zweitens ist Whiskey Gift für Indianer, und drittens waren in dem Saloon gerade drei Stümper dabei, sich zu schießen.
Johnny, Aaron und Tony-Joe waren drei Heißsporne aus dem Südwesten, die durch Abenteuerlust in diese Gegend verschlagen worden waren. Sie gehörten zu Cunninghams Leuten. Das machte sie zu Handlangern der Macht, die ihre freie Zeit nicht besser totzuschlagen wussten, als durch Trinkgelage und Prügeleien schlechte Laune zu verbreiten. Das durften sie, weil sie konnten. Niemand hinderte sie daran, denn sie gehörten ja zu Cunninghams Leuten.
Seit drei Stunden saßen sie nun schon im Saloon. Sie tranken und warteten auf einen Anlass, jemanden vermöbeln zu können. Da es jedoch noch früh am Tag war, gab es außer ihnen keinen weiteren Gast, und deshalb schwiegen sie sich an.
Johnny hatte gerade zwei Minuten lang zum Barmann geschaut, um noch eine Flasche zu bestellen. Aber der hatte ihm die ganze Zeit den Rücken zugekehrt, denn er putzte die Spiegel hinter dem Tresen. Also schenkte sich Johnny erst einmal den letzten Rest aus der Flasche ein, die zwischen den Dreien auf dem Tisch stand. Dann lehnte er sich zurück, so dass sein Stuhl nur noch auf den hinteren Beinen stand: „Wisst ihr, dass ich mal beinahe Wyatt Earp erschossen hätte?“
„Blödsinn,“ widersprach Aaron, „ich war dabei, als Earp erschossen wurde, und dich habe ich weit und breit nicht gesehen.“
„Ihr seid doch beide Schwachköpfe,“ mischte sich Tony-Joe in seiner gewohnt ruhigen, fast kaltblütigen Art in das Gespräch ein. „Wyatt Earp lebt. Und keiner von euch Beiden würde je nah genug an ihn herankommen, um auch nur `ne Winchester auf ihn abzufeuern.“
„Willst Du etwa sagen, dass ich lüge?“ Aaron kniff seine Augen zusammen, denn das hatte er vor dem Spiegel geübt, um ruchlos auszusehen.
„Jup,“ antwortete Tony-Joe. „Du erzählst wie üblich Geschichten fremder Männer, und die sind noch nicht einmal wahr.“
„Und Du meinst, Du hättest den Mumm, Wyatt Earp niederzuknallen?!“, mischte sich Johnny wieder ein, dessen Geschichte es doch eigentlich hätte sein sollen.
„Weiß nicht. Dir steht dabei jedenfalls deine Gottesfurcht im Weg!“
„Ich zeig dir mal meine Gottesfurcht!“ Johnny ließ sein Glas fallen und führte blitzschnell seine Hand zu seinem Colt.
Damit hatte Tony-Joe jedoch gerechnet. Johnny war auf seinem Stuhl mit dem letzten Rest Whiskey in seinem Glas – den Tony-Joe übrigens gerne selbst gehabt hätte – in ein bequemes Kippeln geraten, weshalb es für Tony-Joe ein Leichtes war, ihn durch einen Leichten Stubser mit dem Fuß zum Fallen zu bringen. Dann war er aufgesprungen, um seinerseits seinen Colt zu ziehen.
Den Braten hatte wiederum Aaron schon längst gerochen. Er hatte bereits gezogen, denn schnell war er. Nur schießen konnte er nicht so besonders, erst recht nicht mit einer Flasche Whiskey im Kopf.
In der Zwischenzeit hatte Johnny es im Fallen irgendwie fertig gebracht, seinen Colt zu ziehen. Das überraschte ihn wahrscheinlich selbst am meisten, weshalb er sich vor Schreck ein Loch ins Knie schoss.
Aaron hatte derweil wahllos aber aufgeregt vier Löcher in die Luft und eins in Elijah Sharpknifes Hals geschossen, als der gerade die Tür zum Saloon geöffnet hatte.
Als Elijah nun so verblutend zwischen Tür und Angel am Boden lag, konnte er noch ein paar Dinge beobachten. Er sah, wie Aaron, vom Schuss aus Johnnies Waffe aufgeschreckt, seine letzte Kugel auf den am Boden liegenden Johnny abfeuerte. Und er sah, wie Tony-Joe seelenruhig seine Waffe ansetzte und Aaron direkt zwischen die Augen schoss.
Schade, dachte Elijah. Nun wird also dieser Tunichtgut gleich aus dem Saloon treten. Draußen wird er dann mein Pferd sehen und es stehlen. Er wird die Köpfe in den Leinensäcken finden und sie aller Wahrscheinlichkeit nach vor Ekel wegwerfen. Köpfe, die mindestens achthundert Dollar wert waren. Zu schade!
Aber so war nun mal der Wilde Westen. Die meisten starben mit wenigstens einer offenen Rechnung. Buchhaltung wird halt nicht mit dem Colt gemacht.

Der Schluckauf

„Wenn mein Schwein Scheine würfe, dann hätte auch ich einen Scheinwerfer,“ dachte Herr Hoppla, als er zu Fuß bei Rot eine Straße überquerte. Dieser Gedanke überraschte ihn dermaßen, dass er darüber einen Schluckauf bekam. Er bemerkte dabei nicht, dass er Gefahr lief, von einem Auto überfahren zu werden.
Herr Hoppla war Fußgänger aus Überzeugung. Das erzählte er wenigstens jedem. Die Wahrheit jedoch war, dass ihm nie ein Führerschein ausgestellt wurde. Er hatte nie eingesehen, dass man bei Grün fahren durfte. Das wäre viel zu gefährlich für all die Fußgänger, die bei Rot über die Straße gehen, so argumentierte er. Die Fahrprüfer verdrehten daraufhin jedes Mal die Augen und baten Herrn Hoppla freundlich, es doch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu versuchen. Herr Hoppla behielt seine Meinung über die beschränkte Sichtweise der Prüfer jedes mal für sich und ging nach der zehnten Prüfung nicht mehr zur Fahrschule. Einen Scheinwerfer konnte er also nie sein Eigen nennen.
Das Geld, das er nicht ausgab, um sich ein Auto mit einem Scheinwerfer zu kaufen, investierte Herr Hoppla in ein Schwein. Und in gewisser Weise rettete ihm dieses Schwein in dieser Situation, in der sich Herr Hoppla bei Rot eine Straße überquerend befand, das Leben. Obwohl das nicht ganz sicher ist, denn es ist fraglich, ob sich Herr Hoppla, hätte er ein Auto besessen, überhaupt in diese fußgängerisch waghalsige Situation begeben hätte. Jedenfalls war dieses Schwein für diesen den Schluckauf hervorrufenden Gedanken mitverantwortlich.
„Hicks!“, machte Herr Hoppla und lief in eine Frau. „Sie Wüstling,“ rief die Frau und schlug ihm mit ihrer Handtasche auf den Kopf. Das verwirrte Herrn Hoppla nun aber sehr, denn er konnte sich beim besten Willen nicht erklären, wo diese Frau so urplötzlich hergekommen war. Er rieb sich den Kopf und nahm seinen Weg über die Straße wieder auf. Auf der anderen Straßenseite angekommen, schaute er sich, immer noch den Kopf reibend, nach der Frau um. „Hicks!“, machte er, und die Frau war weg!

*

Achtzehn Hickse später war es Mittag. Die Sonne stand senkrecht und verwehrte den Dingen ihren Schatten. Das war in sofern erstaunlich, dass Herr Hoppla, als er bei Rot die Straße überquert hatte, erst auf dem Weg war, sich ein Frühstücksbrötchen und die Morgenzeitung zu kaufen. Was hatte er bloß die ganze Zeit über gemacht? Er hatte an sein Schwein gedacht und saß jetzt auf dem Kirchplatz und wunderte sich. Keine große Ausbeute für sechs durchwachte Stunden. Er schaute auf die Kirchturmuhr: Es war fünf nach zwölf. „Hicks!“ machte er, und die Uhr zeigte fünf vor halbeins.
Schluckauf war eines der Dinge, die Herrn Hoppla sehr unangenehm waren. Darin unterschied er sich nicht weiter von den meisten Menschen. Schluckauf kommt an sich einer Zeitverschwendung gleich, denn man kann sich auf nichts anderes konzentrieren, als auf eben diesen Schluckauf. Man versucht alles, was man über die Beseitigung des Problems gelernt hat, aus, scheitert und wartet schließlich, bis der Spuk vorbei ist. Dass ein Hicks darüber hinaus ein großes Stück des Stundenrundes beansprucht, das war Herrn Hoppla neu und erregte seine Besorgnis. Er fürchtete sich ohnehin schon davor, dass ein Schluckauf vielleicht einmal nicht aufhören könnte. Wenn das nun ausgerechnet mit diesem Schluckauf passieren würde, so überlegte er, dann wäre er ja in zweieinhalb Jahren achtzig! Das ihn dieser spezielle Schluckauf bereits vor einem bösen Unfall mit eventueller Todesfolge bewahrt hatte, das war Herrn Hoppla entgangen, denn er war ja in Gedanken mit seinem Schwein beschäftigt gewesen.
Um wenigstens mit der aktuellen Uhrzeit sicher zu gehen, beschloss Herr Hoppla einen Passanten nach eben dieser zu fragen. „Entschuldigen Sie,“ begann Herr Hoppla, „könnten Sie mir vielleicht sagen, wie spät es in diesem Moment ist?“ Der so Angesprochene ließ mit einer zackigen Bewegung seine Armbanduhr unter der Manschette hervorgleiten und betrachtete sein Schmuckstück. „Hicks!“, machte Herr Hoppla, und der Mann war weg. „Interessant!“, war alles, was Herr Hoppla daraufhin denken konnte.
Seine Aufmerksamkeit galt dabei weniger dem Phänomen, dass mit jedem „Hicks!“ unverhältnismäßig viel Zeit verstrich. Er machte sich vor allem ein wenig Sorgen darüber, was mit ihm selbst in dieser Zeitspanne passierte. Es konnte ja durchaus sein, dass Herr Hoppla, ohne es zu merken, jedes Mal wenn er hickste, zwanzig Minuten bewusstlos herumstand – im schlimmsten Falle würde er sogar die ganze Zeit ein beängstigend unappetitliches Schluckauf-Geräusch machen – das wäre ihm im höchsten Grade unangenehm gewesen. Er beschloss also, zur weiteren Beobachtung des Phänomens, vorerst seine Wohnung aufzusuchen, denn diese Blöße musste man sich ja nicht in aller Öffentlichkeit geben.

*

Anhand der Uhren, die Herr Hoppla auf seinem Weg nach Hause passierte, konnte er ablesen, dass er für die Strecke weitere drei Stunden benötigte. Das war lächerlich viel für den gewohnten Fußmarsch von zehn Minuten. Als er um die letzte Ecke in seine Straße einbog, bemerkte er, wie ein weiterer Hicks seine Speiseröhre heraufkroch. Er verbarg sich also in einem Hauseingang, so wie er es den gesamten Heimweg gemacht hatte, um seine Umwelt nicht zu erschrecken. Wie er da so stand und auf seine Pein wartete, entdeckte er am anderen Ende der Straße eine Frau, die sich ebenfalls in einer Nische verbarg. Das weckte zwar seine Neugier, doch er machte sich bereits darauf gefasst, das Rätsel dieser Frau nicht lösen zu können, denn – „Hicks!“, und die Frau war weg!
Doch wie verblüfft war Herr Hoppla erst, als die Frau wenige Sekunden später wieder in dem Hauseingang sichtbar wurde! Er rieb sich die Augen, doch es blieb dabei: Die Frau war da, schaute sich um, und begann ihren Weg wieder aufzunehmen.
Herr Hoppla tat es ihr gleich und huschte aus seinem Hauseingang heraus. Er beeilte sich, um die Frau zu erreichen. Er begann sogar ein wenig zu rennen, als er den unbeherrschbaren Reflex wieder in sich aufkeimen spürte. Hastig sich umdrehend, ob ihn auch niemand beobachten würde, wenn er aufschluckte, rannte er weiter. Er wandte sich wieder der Frau zu, um sicher zu gehen, dass sie noch tatsächlich existierte. Nur noch zehn Schritte. Er wusste, dass er sie nicht rechtzeitig erreichen würde. Deshalb begann er wie wild mit seinen Armen zu rudern. Er wollte rufen, doch – „Hicks!“, die Frau war weg.
Herr Hoppla wartete gespannt die nächsten Sekunden ab, die ihm nun qualvoll lang erschienen. Als würde er durch den Schluckauf nicht schon genug Zeit verlieren (oder gewinnen? Aber mit solch detaillierten Analysen wollte er sich in diesem Moment, ungeschützt auf einer Straße, nicht auseinandersetzen), musste er nun auch noch die reale Zeit (oder die irreale? Was war denn in dieser Situation die Basis für Realität? Er oder die Uhr? Ach, später …) damit verbringen, auf den einzigen Menschen, der in der Lage zu sein schien, Aufklärung in dieses Mysterium zu bringen, zu warten („Mein Satzbau könnte auch mal wieder ein Politur vertragen,“ dachte er).
Endlich war sie da! Und als sie erschien, sah sie ihn eben so verwundert an, wie er sie. „Hoppla, mein Name“, sagte Herr Hoppla.
Die Frau sah ihn verzweifelt an. „Hi, I’m Miss Hickox from Massachusetts, and I don’t understand your language.“
Kein Wunder, dass die gute Frau bei ihrer Herkunft, sowohl in familiärer, als auch in territorialer Hinsicht, Schluckauf bekommt, dachte Herr Hoppla, der des Englischen durchaus mächtig war.

*

Die folgenden zweieinhalb Tage verbrachten Herr Hoppla und Frau Hickox damit, sich bei einer Tasse Tee ein wenig besser kennen zu lernen. Sie besprachen die Welt, sich selbst und ihr gemeinsames Problem. In den folgenden zwanzig Jahren lernten sie sich sogar außerordentlich gut kennen, was auf Grund ihres gemeinsamen Problems nicht immer ganz einfach war, aber auch eine Menge Anlass zur Heiterkeit bot. In dieser Zeit beerdigten sie Herrn Hopplas Schwein und beschlossen, wegen der auf der Hand liegenden Hindernisse, nicht zu heiraten. Doch auch ohne Hochzeit blieben sie sich treu und lebten die folgenden 650 Kalenderjahre glücklich und sich gegenseitig innig liebend zusammen.

Der Kettenbrief des Todes 5

Das dämliche Gequatsche von Cesar Cantarra war das Letzte, was er jetzt hören wollte. Und ironischerweise musste Elijah Sharpknife höllisch aufpassen, dass es nicht auch das Letzte war, was jemals zu hören bekommen würde.

Elijah hatte am Lagerfeuer gesessen und frisch aufgebrühten Kaffee getrunken. Vor ihm am Boden im warmen und flackernden Schein des Feuers lagen drei Leinensäcke, und in den drei Leinensäcken waren drei Köpfe eingewickelt. Zwei der drei Köpfe würden ihm nach allem, was er auf den Steckbriefen gelesen hatte, achthundert Dollar einbringen. Über den Wert des dritten Kopfes war er sich nicht ganz im Klaren – er hatte den Auftrag bekommen, und zwar mündlich. Es war ein grüner Junge gewesen, der jedoch immerhin den Sheriff von Hill City erschossen hatte; – schwer zu sagen, was man dafür bekommen konnte.

Elijah schnitt seinen Opfern die Köpfe ab, weil es so einfacher war, sie mit den Abbildungen auf den Steckbriefen abzugleichen. Die Staatsdiener, die ihn für seine Arbeit schließlich auszahlten, fanden diese Vorgehensweise zwar befremdlich, aber Elijah war Indianer, und so wurde ihm ein gewisses Maß an befremdlichem Verhalten zugestanden. Er war indianischer Herkunft, auch wenn er von weißen Christenmenschen großgezogen worden war; grogezogen, um sehr bald hart und ohne Bezahlung für diese Christenmenschen zu arbeiten. Es war für ihn nur eine Frage der Zeit gewesen, das Weite zu suchen.

Elijah malte sich gerade aus, was er mit dem Geld machen würde – es war nicht leicht, so eine Zwischensumme, zu viel, um es zu verzechen, zu wenig, um ein neues Leben zu beginnen – als er hinter sich ein Knacken im Geäst hörte. Blitzschnell griff er neben sich, sprang auf und drehte sich mit seinem Gewehr im Anschlag dem Geräusch zu. Wie eine Maske schwebte Cesar Cantarras vom Feuerschein erhelltes Gesicht in der Dunkelheit. Es kaute und grinste, und dann trat der Mann aus den Bschen.

Cesar baute sich in einer Entfernung von wölf Fuß Eijah gegenüber auf. Sein Arme hingen gerade von seinen Schultern herunter, und die Finger seiner rechten Hand bewegten sich wie Spinnenbeine neben dem Griff seines Colts, der in seinem Hüftholster steckte. Dann spuckte Cesar aus und begann zu reden: „Elijah Sharpknife, hätte nicht gedacht, dich so schnell wieder zu sehen – jedenfalls nicht nach allem, was du in Fort Hays abgezogen hast. In welchem dieser Säcke ist denn der alte Joey drin? Solltest deine Beute besser nicht so lange spazieren führen. Hättest das Geld nehmen, und dich aus dem Staub machen sollen. Aber ist nicht dein Ding, nicht wahr? Zu fliehen, ist nicht deine Sache. Denkst, es ist feige, alles zurückzulassen. Ein Mann stellt sich seiner Umgebung, nicht wahr? Bist so’n Typ, der bleibt und sich seinem Schicksal stellt. Dabei ist es der natürliche Lauf der Dinge, Sachen zurückzulassen. Ist so das Leben halt. Man lässt ständig zurück: Eltern, Freunde, Städte, Frauen – und ganz zum Schluss lässt man jede Menge Überlebende zurück.“ Cesar machte eine dramatische Pause, um das Grinsen aus seinem Gesicht verschwinden zu lassen. „Joey steht dir nicht zu,“ sagte er dann in einem Tonfall, von dem er annahm, dass er angsteinflößend wäre. „Joey ist meiner. Bin ihm drei Wochen lang hinterher geritten. Joey ist rechtmäßig meiner, das Recht habe ich mir erritten. – Ich weiß, was du denkst: Es liegt nicht an mir, Recht zu sprechen. Aber dafür habe ich meinen Freund hier mitgebracht.“ Cesar deutete mit einer Kopfbewegung in die Richtung, wo sein Colt hing. „Darf ich vorstellen: Bill Justice.“ Und mit diesen Worten zog Cesar.

Elijah mochte nicht sterben. Er wollte in seinem Leben noch etwas anderes hören als Cesars Reden, und er wollte das Kopfgeld auf den Kopf hauen. Elijah wollte lieber springen als sterben. Also sprang er mit einem Satz hinter das Feuer. Er ließ sich fallen und rollte weg vom Licht, denn Licht deutet immer den Weg zum Tod.

Cesar folgte ihm, ein Schritt nach dem anderen, und mit jedem Schritt schoss Cesar. Er schoss Löcher in die Köpfe von Joey und dessen Leidensgenossen. Er schoss ein Loch in Elijahs Kaffeebecher – schade, dachte Elijah. Cesar schoss ins Feuer, und er schoss ins Unterholz – drei Inches vor Elijah. Und dann gab es noch drei mal ein trockenes metallisches Klicken, weil Cesar offensichtlich zu dämlich war, bis sechs zu zählen.

Elijah stand auf und ging auf Cesar zu. Er hielt ihm den Lauf seines Gewehrs an den Kopf und drückte ab.

Cesar war drei Tage lang umsonst hinter Joey her geritten. Vielleicht hatte er einen besseren Plan gehabt, was er mit dem Kopfgeld hätte anfangen können. Vielleicht hatte er für eine Farm gespart, vielleicht hatte er Schulden gehabt, wer weiß.

Aber so war nun mal der Wilde Westen. Die meisten starben mit wenigstens einer offenen Rechnung. Buchhaltung wird halt nicht mit dem Colt gemacht.

Weihnachten

Die Wörter, durch die die werten Gäste der Fürst-Pückler-Bar diese Geschichte überhaupt möglich machten, lauten: Café Kneipe am Markt, Gitarrensolo, Grießkoch, Kloßbrühe, A Short Stop At The Transylvanian Brainsurgery, Neuschnee, psychodelischer Schmetterling, Barakat Sodoma, Triangel Symposium, Kult Kino, Bauanleitung, Hawaii Gitarre, Fingerring, Hochzeit, akrobatischer Brautstraußwurf, Eisblumen kalt, Winterdepression, Grünkohl, kajolieren nicht kujonieren, internationales Kartoffelzentrum, Pacha Mama, ein sehr bedeutender Arbeitsloser

Klaus saß in der ersten Etage der Café Kneipe am Markt – oder muss es heißen: „DES Café ‘Kneipe am Markt’“? Eigentlich eine interessante Frage, aber Klaus war an diesem Tage nicht nach Problemewälzen zumute, denn Klaus hatte einen Fensterplatz im oder in der Café Kneipe am Markt.

Ursprünglich hatte er in sein Lieblings-Kult-Kino gehen wollen, um sich seinen Lieblingskultfilm „A Short Stop At The Transylvanian Brainsurgery“ anzusehen, aber vor dem Kino lagen drei meter Neuschnee, so dass die Pforten des Lichtspielhauses geschlossen bleiben mussten. In jedem anderen Jahr hätte ihn dieser Umstand aus der Spur gebracht, denn jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit sah er sich diesen Streifen an, um sich aus seinem vorweihnachtlichen Stimmungstief zu holen. Aber in diesem Jahr gab es dafür keinen Anlass. Es ging ihm gut. Also war er statt ins Kino in dieses Etablisement gegangen, nicht etwa, weil es hier besonders delikat gewesen wäre: Der Kaffee war zu dünn und die Kloßbrühe zu dick, denn der Küchenchef war gelernter Grießkoch. Nein, Klaus war hierher gekommen, weil es hier teuer war, und er es sich trotzdem leisten konnte.

Er hauchte gegen die Fensterscheibe, um mit seinem heißen Grünkohl-Atem ein paar Eisblumen kalt zu machen, die ihm die Sicht auf das Treiben des Weihnachtsmarktes versperrten, und resümierte das vergangene Jahr. Das machte ihm große Freude, denn er tat es zum ersten Mal in seinem Leben. Normalerweise war er nämlich das Jahr über arbeitslos, und auch der Umstand, dass er immer ein sehr bedeutender Arbeitsloser gewesen war, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ereignisarmut seines Lebens ein Resümee bisher schlichtweg überflüssig gemacht hatte.

Aber dieses Jahr war anders gewesen. Klaus hatte sich in diesem Jahr dazu entschlossen, endlich seinen Traum wahr werden zu lassen, und das Triangelspiel zu erlernen. Also war er nach Barakat Sodoma auf ein Triangel Symposium gefahren, als dessen abschließender Höhepunkt die Aufführung von „Psychodelischer Schmetterling“ angesetzt wurde – ein Konzert für Triangel und Hawaii Gitarre von Igor Strawinowski. Klaus bekam den Part der Triangel, weil er verstand, dass dem Instrument zu kajolieren nicht kujonieren heißt. Er machte außerdem seine Sache so gut, dass nach der Aufführung niemand mehr von dem immerhin beachtlichen Gitarrensolo sprach.

Nach dem Auftritt hatte ihn Gisela angesprochen, eins führte zum anderen und zwei Wochen später hielten sie Hochzeit, obwohl sich Klaus seiner Gefühle für Gisela gar nicht so sicher gewesen war. Doch als er im Laufe des Abends Zeuge ihres akrobatischen Brautstraußwurfes wurde, verliebte er sich auf der Stelle – wer hätte das nicht.

Die Flitterwochen verlebten sie in einem internationalen Kartoffelzentrum, denn Klaus hatte mal irgendwo aufgeschnappt, dass die Kartoffel ein nicht zu unterschätzendes Aphrodisiakum sein. Und beim heiligen Klaus: Das ist sie! Gisela entwickelte sich zu einer regelrechten Pacha Mama, und was sie alles mit dem Fingerring ihres linken Ringfingers anstellen konnte liegt jenseits jeder Beschreibbarkeit.

Klaus grinste bei diesem Gedanken debil auf das Geschehen des Weihnachtsmarktes vor dem oder der Café Kneipe am Markt. Ja ja, schön war das Jahr gewesen. Klaus hatte es dank Gisela endlich gelernt, seine freie Zeit sinvoll auszunutzen. Und er freute sich sogar auf das kommende, denn so, wie alles lag, würde die übliche Winterdepression nach dem 25.12. dieses Jahr ausbleiben.

„Der 25.“, dachte Klaus erschrocken. „HoHo, ich hab’ zu tun,“ dachte er weiter. Denn es war immerhin schon der 23., und er musste noch irgendwo eine Bauanleitung für den Lego-Star-Wars-Todesstern auftreiben.

Klaus bestellte die Rechnung. Er bezahlte mit EC-Karte und unterschrieb den Überweisungsbon wie immer mit „Klaus Ruprecht“. Dann warf er sich seinen roten Filzmantel über und verließ überhastet das oder die Café Kneipe am Markt.

Der Kettenbrief des Todes 4

Zu seinem vierten Geburtstag hatte er ein Schaukelpferd bekommen. Als er sieben war, klopfte ihm sein Vater anerkennend auf die Schulter, weil er bei einem Sportwettkampf gewonnen hatte. Mit neun bekam er seinen ersten Kuss von Lara Larsdöttir. Mit zwölf las er die Abenteuer der Arthur Gordon Pym. Mit dreizehn erhielt er privaten Musikunterricht von Fräulein Hundertmark. Außerdem schenkte sie ihm glühende Wangen, schmerzlich brennende Lenden, die lustvolle Erlösung zwischen ihren blütenweißen Schenkeln und eine Ausgabe von Homers Odyssee. Mit vierzehn lief er von Zuhause weg. Mit siebzehn erreichte er die schwedische Küste – er sah zum ersten Mal den Ozean. Im kommenden Herbst hielt er Nachtwache auf einem Schoner, als ein gewaltiger Sturm aufkam. Als er neunzehn war ging er in Boston von Bord. Einmal erlosch die Glut eines Lagerfeuers in dem Moment, als die Sonne aufging. Einmal trank er Whisky und fiel danach vom Pferd. Er fuhr einmal auf einem Wagon der Eisenbahn und musste schluchzen, wegen der überwältigenden Geschwindigkeit. Vor zwei Tagen hatte er einen Mann erschossen, und nun gingen ihm all diese Erinnerungen durch den Kopf. Und das kam so:

Ole Svenson trat aus der Scheune heraus, in der er die Nacht verbracht hatte. Die Scheune lag ein wenig abgelegen von dem Haus, zu dem sie gehörte, und Ole hatte sich gedacht, dass das ein guter Unterschlupf hätte sein können – wie sehr man sich doch täuschen kann. Denn als er aus dem Tor der Scheune trat, stand da dieser Indianer, den er eigentlich schon abgeschrieben hatte. Der grinste ihn an und schnitt ihm, ohne ein Wort zu sagen, die Kehle durch.

Einmal hatte Ole den Indianer zuvor bemerkt. Das war gestern Morgen gewesen. Er hatte ihn gesehen, weit entfernt auf der Kuppe eines Hügels. Da saß er auf einem Pferd und schien Ole anzuschauen. Doch Ole hatte den Indianer nicht ernst genommen. Ole hatte ganz andere Sachen im Kopf gehabt. Er war auf der Flucht gewesen, vor der Meute, vor dem Mob, der ihm hinterher geritten war, nachdem er den Sheriff von Hill City erschossen hatte.

Dabei hatte er ihn nicht wirklich ermordet. Die Sache hatte sich ganz anders zugetragen. Ole war drei Tage lang gelaufen. Er war gelaufen, weil ihm jemand sein Pferd gestohlen hatte. Aber nicht etwa nachts, während er geschlafen hatte, sondern am helllichten Tag. Der Mann war hinter einem Busch hervor getreten, hatte den Lauf einer Pistole auf ihn gerichtet und Ole empfohlen, abzusteigen. Nach diesem Ereignis hatte Ole beschlossen, sich auch eine Pistole zuzulegen. Die nächste Stadt, die er erreichte, war Hill City gewesen. Er ging in den Saloon und erkundigte sich beim Wirt, wer ihm denn solch ein Gerät verkaufen könnte, denn er hatte noch das Geld, das in seinen Boots versteckt gwesen war.

Der Mann hieß Ted. Er war betrunken gewesen, aber er hatte noch nicht genug gehabt. Er holte die Waffe aus dem Gürtel-Holster und gab sie Ole. Der hatte noch nie zuvor eine Waffe in den Händen gehalten. Er umfasste den Griff und hielt den Zeigefinger am Abzug. Als er die Trommel drehte, schlug Ted gegen den Lauf, damit er nicht mehr auf ihn zeigte. Dabei löste sich der Schuss.

Der Sheriff war in diesem Moment vor der Tür vorbei gelaufen. Ein Unfall also, aber das spielt wohl weiter keine Rolle in diesem Winkel der Neuen Welt. Also war Ole gerannt, und vielleicht war genau das sein Vorteil gewesen, dass er zu Fuß unterwegs war, denn irgendwie hatte er die Meute abgehängt – zumindest hatte er das gedacht.

Er war auch die Nacht durchgelaufen, und am nächsten Morgen hatte er diesen Indianer gesehen. Er hatte ihn bald wieder vergessen. Ist wohl auch verständlich in der Verfassung, in der er sich befand.

Jetzt erst fiel er ihm wieder ein. Jetzt erst, wo der Indianer neben ihm stand und ihm beim Verbluten zuschaute. Alles, was Ole jetzt noch tun konnte, war, sich diesen Indianer genauer anzusehen. Lange Haare, Federn am Band, das er sich um den Kopf gebunden hatte. Ole hatte vorher noch nie einen Indianer gesehen, aber er konnte doch erkennen, dass der hier kein Wilder war. Sein Pferd war gesattelt und beschlagen. Und er hatte ein Gewehr. Trotzdem hatte er ihm die Kehle durchgeschnitten. Wahrscheinlich, um nicht durch einen Schuss die Leute im Haus aufmerksam zu machen.

Außerdem hingen zwei Säcke an seinem Sattel, in denen sich etwas Rundes abzeichnete. An der Unterseite der Säcke war getrocknetes Blut.

Ole lächelte, denn nun verstand er endlich, warum er hier lag und starb: Der Indianer war Kopfgeldjäger.

Dann dachte er an alles, was er noch tun wollte: Er wollte nach Gold schürfen. Er wollte den Pazifik sehen. Er wollte Kinder – irgendwann. Und irgendwann wollte er wieder zurückkehren, in seine Heimat, als ein reicher und angesehener Mann.

Dann verschwammen seine Zukunftspläne und machten Platz für seine Erinnerungen. Und dann atmete Ole das letzte Mal aus.

Damit hatten sich seine Pläne erübrigt. Wegen eines Schusses, der sich aus einem fremden Colt gelöst hatte.

Aber so war nun mal der Wilde Westen. Die Meisten starben mit wenigstens einer offenen Rechnung. Buchhaltung wird halt nicht mit dem Colt gemacht.

Der Kettenbrief des Todes 3

Marcus Mulligan hielt seinen Sheriff-Stern in die Sonne – bevor er ihn anspuckte. Nicht an einer einzigen Stelle reflektierte sein Abzeichen das Licht. Also steckte sich Marcus seine Mais-Pfeife zwischen die Zähne und begann, das völlig verrußte Schmuckstück mit seinem Taschentuch zu polieren.

Er selbst hätte auch ein Bad vertragen können. Auch er war verrußt. Er war verschwitzt und der ekelerregende Gestank nach verbranntem Fleisch haftete ihm an. Aber das Bad würde ihm nicht weglaufen. Erst einmal wollte er seine müde Knochen in seinem Schaukelstuhl im schützenden Schatten der Veranda vor seinem Büro in die richtige Position wippen, ein Pfeifchen rauchen und sich dazu ein Gläschen von Murphys schwarz gebranntem Whisky genehmigen. Na ja, eigentlich war er nicht wirklich schwarz gebrannt. Schwarzbrennerei war schließlich verboten, und Marcus würde den Teufel tun, Murphy die Herstellung seines Brands zu verbieten, denn es gab kein besseres Mittel, das Licht der verrohten Welt um ihn herum für einen Moment auszuknipsen.

Während er dieses fremden, großgewachsenen blonden Jungen beobachtete, der da ein wenig zu unsicher für seine Statur die Straße entlang schlich, dachte Marcus über das gerade Erlebte nach. Er wusste, dass es eine kindische Schwäche von ihm war, aber er fühlte sich nicht wohl, wenn er Kühe erschießen musste. Diese Tiere waren doch die unschuldigsten Viecher, die man sich vorstellen konnte. Aber was hätte er tun sollen? Er hatte sie ja schließlich nicht bei lebendigem Leibe verbrennen können.

Der fremde Junge stahl sich in Elroys Saloon rein. Na, hoffentlich hatte er genug Geld für seine Zeche dabei. Marcus hatte das Gefühl, heute bereits genug gearbeitet zu haben. Er nahm einen Schluck, zog an seiner Pfeife und überlegte, ob er vorhin das Richtige getan hatte.

Die Herde war krank gewesen. Wieso sie überhaupt getrieben wurde, konnte sich Marcus nicht erklären. Die Tiere waren abgemagert und fünf der Rinder waren über nacht verreckt. Es war nicht sicher, was sie ganeu hatten. Aber es gab auch keine Zeit, das herauszufinden. Doc Fincher wohnte zwanzig Meilen entfernt. Der hätte frühestens am nächsten Tag hier sein können. Und die Gefahr war zu groß, dass sich die Krankheit auf andere Herden übertrug – wer weiß, ob das nicht auch schon längst geschehen war.

Außerdem war die Herde herrenlos. Bill Baxter hatte sie mit zwei anderen Jungen getrieben. Bill Baxter hatte Marcus gestern kalt gemacht, denn dessen Visage schmückte eine Hand voll Steckbriefen, seit der vor einem halben Jahr die Bank von Hill City überfallen hatte. Der Richter hatte vorgestern erst die Stadt verlassen, und Marcus hatte schlicht weg keine Lust gehabt, Bill für drei Monate wegzusperren, bis der Richter hier wieder aufgekreuzt wäre.

Die anderen beiden Burschen hatten das Weite gesucht. Nun hatte es keinen mehr gegeben, der die Verantwortung für die Rinder hätte übernehmen können. Also hatte sie Marcus mit ein paar Freiwilligen in einen Engpass getrieben und hatte sie abgeschossen – eines nach dem anderen, was nicht leicht gewesen war, denn es war bald eine Panik unter den Tieren ausgebrochen. Als nach einer Stunde das letzte Tier tot war, hatten sie ein riesiges Feuer über den Kadavern entzündet. Der Geruch nach verbranntem Fleisch war furchtbar gewesen. Mulligan hatte den Geschmack noch jetzt im Mund.

Erst nachdem das letzte Tier getötet worden war, war Pete mit der Sprache reusgerückt, dass die beiden Jungs, die Fersengeld gegeben hatten, zu Cunninghams Leuten gehörten. Und das machte Marcus nun Kopfzerbrechen, denn Cunningham war ein mächtiger Mann. Ein Mann, dessen Rinder man nicht einfach so über den Haufen knallt, um danach ein Osterfeuer auf ihnen zu entfachen. Tja, aber nun war es wohl zu spät, sich um das Wohlwollen Cunninghams zu sorgen. Das Kind war nun in den Brunnen gefallen, wie man so schön sagt. Da musste es nun auch bleiben.

Na ja, sei’s drum. Marcus Mulligan wollte wenigstens anständig aussehen, wenn Cunningham in die Stadt kam, um ihm den Kopf abzureißen. Er trank sein Glas aus. Dann klopfte er seine Pfeife aus. Er setzte sich seinen Stetson gerade und nahm einmal Schwung in seinem Schaukelstuhl, um aufzustehen. Dann rückte er seinen Gürtel zurecht und machte sich auf den Weg um Badehaus, das gleich hinter Elroys Saloon lag. Er atmete einmal schwer durch, als er aus dem Schatten der Büro-Veranda in die gnadenlos sengende Sonne der Straße trat. Er wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und spürte, wie er die schmierige Schicht verwischte, ein Gemisch aus Schweiß und Ruß. Marcus stellte sich gerade vor, wie Molly wohl reagieren würde, wenn er nicht zuerst baden, sondern gleich auf ihr Zimmer gehen würde – als sich der Schuss löste.

Marcus lag am Boden. Er drehte seinen Kopf zum Saloon. Der blonde große Junge stürmte aus der Tür. Er sah Marcus am Boden liegen und stammelte etwas, was Marcus nicht verstehen konnte. Doch immerhin sah ihn der Junge an, als ob es ihm wirklich Leid tun würde. Und dann rannte er weg.

Marcus sah nach oben und blinzelte in die Sonne. Er hatte sich schon öfters ausgamalt, wie es sein würde, wenn er einmal abtreten müsste – das brachte seine Position als Sheriff nun einmal mit sich. Ihm war immer klar gewesen, dass er, wenn es einmal so weit sein würde, nicht in seinem Bett liegen würde. Doch irgendwie war er in seiner Vorstellung immer sauber gewesen. In seinen Vorstellungen hatte er auch nie nach verbranntem Rind gerochen. Doch um daran was zu ändern, war es nun wohl zu spät.

Aber so war nun mal der Wilde Westen. Die Meisten starben mit wenigstens einer offenen Rechnung. Buchhaltung wird halt nicht mit dem Colt gemacht.

Dialog am Sonntag

Die Wörter, durch die die werten Gäste der Fürst-Pückler-Bar diese Geschichte überhaupt möglich machten, lauten: Saibling, Halbblut, Market  Share, Bicolore Halbschuhe, Mäuschen, Heiße Kiste, Versackbeuteln, Trampeltierfilla, Spinnentöter, Frettchen, Baby-Bär, Samos

 

a.)    Neulich bin ich in den Zoo gegangen. Ich hatte Begleitung und zwar von dem Halbblut Apanatschi.

 

b.)    Gesundheit!

 

a.)    Was?

 

b.)    Na, du hast doch genießt. Und weil ich ein wohl erzogener Mensch bin, habe ich dir eben Gesundheit gewünscht.

 

a.)    So?! Das ist ja interessant. Du hast mir also nur Gesundheit gewünscht, weil du meinst, wohl erzogen zu sein, und nicht, weil du dir ernsthaft Sorgen um meine Gesundheit machst. Das ist ja `ne heiße Kiste, findest du nicht? Außerdem habe ich nicht genießt, sondern ich habe von Apanatschi, dem Halbblut, gesprochen.

 

b.)    Und warum sollte ich mir ernsthafte Sorgen um deine Gesundheit machen, wenn du gar nicht genießt, sondern von Apanatschi dem Halbblut gesprochen hast?

 

a.)    Versackbeuteln wir das!

 

b.)    Du meinst „versaubeuteln“!

 

a.)    Nein, versackbeuteln! Versaubeutelt hast du es schon. Ich meine einpacken, zuschnüren, wegpacken, Schwamm drüber!

 

b.)    Aber …

 

a.)    Tschscht! Kein Wort! Lass mich endlich weiter erzählen. Also: Ich schlug Appanatschi vor, in den Zoo zu gehen. Es klatschte vor Begeisterung in die Hände und rief „Vamos“.

 

b.)    Hatte es Hunger?

 

a.)    Warum Hunger?

 

b.)    Warum sollte es „Samos“ rufen, wenn es nicht griechisch essen gehen wollte?

 

a.)    Vamos! Es rief „Vamos“! Das ist spanisch und heißt „Gehen wir!“

 

b.)    Ach so! Du redest aber manchmal auch sehr undeutlich. Vielleicht kam daher auch das Missverständnis mit dem Halbblut, dass es nicht verstanden hat, dass ihr in den Zoo wollt, sondern dachte, du wolltest Essen gehen.

 

a.)    Was redest du da für einen Unfug! Willst du wohl endlich mal zuhören! Wir liefen also im Zoo so vorbei an den Gehegen mit den Mäuschen, den Frettchen, dem Baby-Bär und den Trampeltieren – das eine hatte Junge bekommen, eine Tochter, also eine kleine Trampeltierfilla

 

b.)    Die Trampeltiere wohnen in einer Villa?

 

a.)    Nein: Filla. Das bedeutet Tochter.

 

b.)    Auf welcher Sprache denn?

 

a.)    Auf irgendeiner.

 

b.)    Du machst Worte.

 

a.)    Ja! Viele machen Worte. Das hält eine Sprache am Leben. Oder was glaubst du, wo solche neuen Worte wie „Market Share“ herkommen?

 

b.)    Aus dem Englischen.

 

a.)    Ist ja auch egal! Jedenfalls: Als wir an dem Becken mit den Saiblingen angekommen waren, meinte das Halbblut, dass es mal einen Saibling gegessen hätte, mit Knoblauch und einer Tomatensoße und Kapern und – und jetzt kommt der Knüller – Löffelbisquit!

 

b.)    Ist das nicht ein griechisches Rezept?

 

a.)    Italienisch, glaube ich. Jedenfalls habe ich von der Erzählung des Halbblutes solch einen Hunger bekommen, dass ich es zum Essen beim Griechen eingeladen habe.

 

b.)    Hab’ ich’s nicht gesagt?

 

a.)    Du hast auch gesagt, dass das Halbblut ein Spinnentöter sei.

 

b.)    Und?

 

a.)    Es stimmt!

 

b.)    Siehste?

 

a.)    Als wir beim Samos auf der Terrasse saßen, hat Apanatschi, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Spinne zertreten.

 

b.)    Und?

 

a.)    So ist mir das erste mal aufgefallen, was für ausgefallenes Schuhwerk das Halbblut trägt. Ist dir mal aufgefallen, was für ein ausgefallenes Schuhwerk das Halbblut trägt?

 

b.)    Bicolore Halbschuhe, glaube ich.

 

a.)    Sehr richtig!

 

b.)    Und?

 

a.)    Weiß auch nicht. Was hast du denn gestern gemacht?

 

b.)    Ich war beim Spanischunterricht. Wusstest du, dass die spanische Fahne nur zwei Farben hat?

 

a.)    Eine Bicolore.

 

b.)    Die Franzosen haben drei, oder?

 

a.)    Ja, schon, weiß aber nicht, wie das heißt. Wollen wir Essen gehen?

 

b.)    Au ja, vamos!

Der Kettenbrief des Todes 2

Bill  lag da – in einer Lache seines Blutes - und er war sich nicht ganz sicher, ob er ganau verstand, was gerade geschehen war. Er hatte schneller gezogen, so viel stand fest. Er hatte auch als erster geschossen. Aber wahrscheinlich war ganau das das Problem: Er hatte als Erster, und nicht als Einziger geschossen. Doch warum er überhaupt schießen musste, das war ihm noch schleierhaft. Warum hatte ihn dieser Typ auf dieser nächtlichen Straße in diesem gottverlassenen Provinznest überhaupt gefordert? Und woher kannte der seinen Namen?

„Bill Baxter, wie dumm kann ein einzelner Mann eigentlich sein?“, hatte der Typ gerufen. Da hatte Bill ihn noch nicht sehen können. Erst mit den nächsten Worten war der Mann aus dem Schatten getreten.  „Hätte nicht gedacht, dass wir uns in diesem schönen Städtchen noch einmal wieder sehen würden.“ Doch Bill hatte nicht die leiseste Ahnung, wo er diese, auf eine verträumte Art selbstgefällige Visage des Mannes hinstecken sollte. Das war auch nicht ganz einfach, denn Bill war seit fünf Jahren unterwegs gewesen, und in dieser Zeit hatte er eine Menge Arschlöcher getroffen, deren Gesichter man sich nicht unbedingt merken musste.

In diesen fünf Jahren hatte sich Bill Baxter den beachtlichen Ruf eines ruchlosen Bastards erarbeitet. Er hatte gemordet, geplündert und falch gespielt. Er hatte Züge und Banken überfallen. Er hatte einen Streik von Bahnarbeitern angezettelt, nur um sich danach für dessen Zerschlagung von der Bahngesellschaft bezahlen zu lassen. Er hatte es sich mit der Zeit abgewöhnt, sein Gewissen zu befragen. Er wusste nicht, ob seine Eltern noch lebten, es war ihm auch egal, aber hätte ihm jemand genug Geld geboten, hätte er auch sie um die Ecke gebracht. Dieser Ruf war sein Kapital, dieser Ruf eilte ihm voraus, wer den Namen Bill Baxter kannte, der wusset auch, wofür dieser Name stand.

Insofern war es auch nicht weiter erstaunlich, dass Bill den Mann in der dunklen Straße dieses kleinen, langweiligen Städtchens nicht wiedererkannte. Es gab genug Pfeifen, die der Meinung waren, Bill hätte seinen Kredit beim Allmächtigen ausgereizt.

Da gab es zum Beispiel dieses Bruderpaar, mit dem er seit einer Woche gemeinsam ritt. Ted und Fred. Denen traute er nur so weit, wie er sie werfen konnte: ganze zwei Meter. Er hatte es bei einem Streit um eine Portion Bohnen mit Speck ausprobiert. Aber die beiden hätte er in dieser nächtlichen Straße bestimmt erkannt. Ted war klein, und Fred war fett. Doch dieser Mann hier war groß und schlank; drahtig und auch nicht mehr ganz jung. Ted dagegen war siebzehn und Fred einundzwanzig.

Bill hatte sie in Lawrence kennen gelernt. Irgendwie war er dort gestrandet und hatte sich die Zeit bei einer Viehauktion vertrieben. Fred hatte neben ihm an einer Theke gestanden, und als er seinen Namen hörte, meinte er, dass er Bill gerne seinem Boss vorstellen würde.

Cunningham besaß Land. Viel Land. Mehr Land, als man nur durch harte Arbeit und Glück bekommt. Cunningham war wahrscheinlich genau so ruchlos wie Bill selbst – nur im großen Stil. Cunningham brauchte Vieh für sein Land. Und danach wollte er mehr Land.

Das Vieh hatte ihm gerade bei der Auktion ein gewisser Jack Riley vor der Nase weggeschnappt. Das Land hatte sich Jack vor ein paar Jahren ehrlich erworben. Cunninghams Problem trug also den Namen Jack Riley. Bill sollte für Cunningham dieses Problem beseitigen. Danach sollte er gemeinsam mit Ted und Fred Jacks Vieh zu Cunningham treiben. Dafür sollte es Geld geben, also sagte Bill zu.

Jack war beseitigt. Doch das Vieh stellte sich als echtes Problem heraus. Bill hatte sich langsam sorgen um das Geld gemacht, das Cunningham ihm versprochen hatte. Vier Tage hatten sie die Herde getrieben, dabei war ihnen die Hälfte verreckt. Die andere Hälfte stand vor der Stadt, in die sie gegangen waren, um einen Tag Rast zu machen.

Bill hatte sich von den Brüdern getrennt. Er hatte ein Bad genommen und war dann in den Saloon gegangen. Und als er raus kam, traf ihn diese Kugel. Der Schütze war weder Cunningham, noch Fred, noch Ted. Bill musste lachen, und das raubte ihm den letzten Rest an Kraft. Als der alte feiste Saubermann vor ihm stand, konnte er ihn nicht mehr fragen, warum er hier lag. Er atmete das letzte mal aus.

Aber so war der Wilde Westen. Die meisten starben mit wenigstens einer offenen Rechnung. Buchhaltung wird halt nicht mit dem Colt gemacht.

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