Der Kettenbrief des Todes 4

Zu seinem vierten Geburtstag hatte er ein Schaukelpferd bekommen. Als er sieben war, klopfte ihm sein Vater anerkennend auf die Schulter, weil er bei einem Sportwettkampf gewonnen hatte. Mit neun bekam er seinen ersten Kuss von Lara Larsdöttir. Mit zwölf las er die Abenteuer der Arthur Gordon Pym. Mit dreizehn erhielt er privaten Musikunterricht von Fräulein Hundertmark. Außerdem schenkte sie ihm glühende Wangen, schmerzlich brennende Lenden, die lustvolle Erlösung zwischen ihren blütenweißen Schenkeln und eine Ausgabe von Homers Odyssee. Mit vierzehn lief er von Zuhause weg. Mit siebzehn erreichte er die schwedische Küste – er sah zum ersten Mal den Ozean. Im kommenden Herbst hielt er Nachtwache auf einem Schoner, als ein gewaltiger Sturm aufkam. Als er neunzehn war ging er in Boston von Bord. Einmal erlosch die Glut eines Lagerfeuers in dem Moment, als die Sonne aufging. Einmal trank er Whisky und fiel danach vom Pferd. Er fuhr einmal auf einem Wagon der Eisenbahn und musste schluchzen, wegen der überwältigenden Geschwindigkeit. Vor zwei Tagen hatte er einen Mann erschossen, und nun gingen ihm all diese Erinnerungen durch den Kopf. Und das kam so:

Ole Svenson trat aus der Scheune heraus, in der er die Nacht verbracht hatte. Die Scheune lag ein wenig abgelegen von dem Haus, zu dem sie gehörte, und Ole hatte sich gedacht, dass das ein guter Unterschlupf hätte sein können – wie sehr man sich doch täuschen kann. Denn als er aus dem Tor der Scheune trat, stand da dieser Indianer, den er eigentlich schon abgeschrieben hatte. Der grinste ihn an und schnitt ihm, ohne ein Wort zu sagen, die Kehle durch.

Einmal hatte Ole den Indianer zuvor bemerkt. Das war gestern Morgen gewesen. Er hatte ihn gesehen, weit entfernt auf der Kuppe eines Hügels. Da saß er auf einem Pferd und schien Ole anzuschauen. Doch Ole hatte den Indianer nicht ernst genommen. Ole hatte ganz andere Sachen im Kopf gehabt. Er war auf der Flucht gewesen, vor der Meute, vor dem Mob, der ihm hinterher geritten war, nachdem er den Sheriff von Hill City erschossen hatte.

Dabei hatte er ihn nicht wirklich ermordet. Die Sache hatte sich ganz anders zugetragen. Ole war drei Tage lang gelaufen. Er war gelaufen, weil ihm jemand sein Pferd gestohlen hatte. Aber nicht etwa nachts, während er geschlafen hatte, sondern am helllichten Tag. Der Mann war hinter einem Busch hervor getreten, hatte den Lauf einer Pistole auf ihn gerichtet und Ole empfohlen, abzusteigen. Nach diesem Ereignis hatte Ole beschlossen, sich auch eine Pistole zuzulegen. Die nächste Stadt, die er erreichte, war Hill City gewesen. Er ging in den Saloon und erkundigte sich beim Wirt, wer ihm denn solch ein Gerät verkaufen könnte, denn er hatte noch das Geld, das in seinen Boots versteckt gwesen war.

Der Mann hieß Ted. Er war betrunken gewesen, aber er hatte noch nicht genug gehabt. Er holte die Waffe aus dem Gürtel-Holster und gab sie Ole. Der hatte noch nie zuvor eine Waffe in den Händen gehalten. Er umfasste den Griff und hielt den Zeigefinger am Abzug. Als er die Trommel drehte, schlug Ted gegen den Lauf, damit er nicht mehr auf ihn zeigte. Dabei löste sich der Schuss.

Der Sheriff war in diesem Moment vor der Tür vorbei gelaufen. Ein Unfall also, aber das spielt wohl weiter keine Rolle in diesem Winkel der Neuen Welt. Also war Ole gerannt, und vielleicht war genau das sein Vorteil gewesen, dass er zu Fuß unterwegs war, denn irgendwie hatte er die Meute abgehängt – zumindest hatte er das gedacht.

Er war auch die Nacht durchgelaufen, und am nächsten Morgen hatte er diesen Indianer gesehen. Er hatte ihn bald wieder vergessen. Ist wohl auch verständlich in der Verfassung, in der er sich befand.

Jetzt erst fiel er ihm wieder ein. Jetzt erst, wo der Indianer neben ihm stand und ihm beim Verbluten zuschaute. Alles, was Ole jetzt noch tun konnte, war, sich diesen Indianer genauer anzusehen. Lange Haare, Federn am Band, das er sich um den Kopf gebunden hatte. Ole hatte vorher noch nie einen Indianer gesehen, aber er konnte doch erkennen, dass der hier kein Wilder war. Sein Pferd war gesattelt und beschlagen. Und er hatte ein Gewehr. Trotzdem hatte er ihm die Kehle durchgeschnitten. Wahrscheinlich, um nicht durch einen Schuss die Leute im Haus aufmerksam zu machen.

Außerdem hingen zwei Säcke an seinem Sattel, in denen sich etwas Rundes abzeichnete. An der Unterseite der Säcke war getrocknetes Blut.

Ole lächelte, denn nun verstand er endlich, warum er hier lag und starb: Der Indianer war Kopfgeldjäger.

Dann dachte er an alles, was er noch tun wollte: Er wollte nach Gold schürfen. Er wollte den Pazifik sehen. Er wollte Kinder – irgendwann. Und irgendwann wollte er wieder zurückkehren, in seine Heimat, als ein reicher und angesehener Mann.

Dann verschwammen seine Zukunftspläne und machten Platz für seine Erinnerungen. Und dann atmete Ole das letzte Mal aus.

Damit hatten sich seine Pläne erübrigt. Wegen eines Schusses, der sich aus einem fremden Colt gelöst hatte.

Aber so war nun mal der Wilde Westen. Die Meisten starben mit wenigstens einer offenen Rechnung. Buchhaltung wird halt nicht mit dem Colt gemacht.

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