Der Kettenbrief des Todes 8

Die meisten Menschen legen ein Gelübde ab, um Gott, seinem Werk oder beidem zu dienen. Ismael Walker hatte seines abgelegt, um Gottes Gesetz zu untergraben und sein Werk zu zerstören. Ismael ritt in gemächlichem Trab westwärts. Er war ein gläubiger Mann. Er glaubte an Gott. Er fürchtete ihn nur nicht. Er hatte seine eigene Sicht auf die Dinge. Zum einen glaubte er nicht, dass Gott gerecht ist. Zum anderen hielt er Hiob für einen Schwächling. Und so gelobte Ismael einst Gott, nachdem sein Haus und seine Frau von einer Horde Betrunkener in Brand gesteckt worden war, dass er so lange Menschen den Tod bringen werde, bis er den Verantwortlichen für seinen Verlust gestellt hätte. Ismael kannte den Namen des Mannes, der die jungen Burschen für die Brandtat bezahlt hatte. Er hatte nur ganze zwei Jahre gebraucht, um diesen Mörder ausfindig zu machen. Zwei Jahre, in denen Ismael wie ein Mordengel durch drei Staaten gezogen war und siebenundneunzig Menschen den Tod gebracht hatte. Ismael ritt westwärts, und sein letztes Opfer lag zwei Meilen hinter ihm neben den glühenden Überresten eines Lagerfeuers. Der Name des Jungen war Tony-Joe gewesen, und Ismael hatte ihn aus keinem besonderen Grund erschossen. Einzig sein Gelübde hatte ihn dazu veranlasst, dem Jungen ein Loch zwischen die Augen zu schießen. Daran hätte sich Ismael eigentlich gewöhnt haben sollen, aber dieses mal kam ihm seine Tat merkwürdig sinn- und belanglos vor. „Vielleicht stellt mich ja Gott auf eine Probe.“ Bei diesem Gedanken kicherte Ismael kurz kleinkindisch auf. Vielleicht, so dachte er weiter, vielleicht bedeutet aber die Tatsache, dass ich mein Tun in Frage stelle, dass ich meinem Ziel sehr nahe gekommen bin. Vielleicht ist ja Teilnahmslosigkeit der sicherste Hinweis darauf, dass ein großes Werk zu seiner Vollendung hinstrebt. Wer weiß, ob ein Meister nicht nur deshalb ein Bild für vollendet erachtet, weil es ihn langweilt. „Es ist vollbracht,“ sagt dann der Meister, nur aus dem Grund, weil es besser klingt als: „Es langweilt mich“. Das würde nämlich der Bedeutung des Werkes erheblich schaden, so dachte Ismael Walker. Diese Gedanken jagten ihm einen beklemmenden Schrecken ein. Seit zwei Jahren dachte er an nichts anderes, als dem Verantwortlichen seines Verlustes den Garaus zu machen. Mit fiebriger Vorfreude sehnte er diesen Augenblick herbei, da er Cunninghams Augen fixieren würde. Er hatte es sich wieder und wieder vorgestellt, wie er die Angst in den Zügen seines Gegners ausmachen würde. Er hatte sogar gehofft, Cunninghams Angst riechen zu können. Und nun sah sich Ismael der Möglichkeit gegenüber, dass ihn die Todesfurcht Cunninghams langweilen könnte. Und eine unsägliche Wut stieg in ihm auf. Seaun Finnigan beförderte das letzte seiner Schweine mit einem Tritt in das holzumzäunte Gehege, hievte das Gatter zu und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann kramte er in den Taschen seiner Hose und befördert ein frisches, säuberlich in Pergament verpacktes Stück Kautabak hervor. Davon biss er ab. Er atmete einmal tief durch und kaute genüsslich dreimal auf dem Klumpen herum, bevor er inne hielt. Er glaubte den Trab eines Pferdes hinter sich gehört zu haben. Er drehte sich um und sah den Reiter auf sich zu kommen. Seaun wartete, bis der Mann auf dreißig Fuß zu ihm herangekommen war, dann rief er: „Was gibt’s Neues, Fremder?“ „Die Sonne steigt, die Sonne sinkt,“ antwortete der bärtige Alte. „Wo bin ich denn hier?“ „Wo wollen Sie denn hin?“, fragte Seaun. Der Alte schien zu überlegen. Für einen Verlorenen macht er einen denkbar wenig verwirrten Eindruck, dachte Seaun. Dann entschloss sich der Alte zu antworten. „Ich suche einen Mann namens Cunningham. Sollte hier ein Begriff sein, nach allem, was ich weiß.“ Seaun spuckte aus. „Darauf können Sie wetten, dass Cunningham hier ein Begriff ist. Gott segne diesen Mann. Ich würde jetzt Brennnesseln essen, wenn Cunningham mir nicht mein eigenes Land verpachtet hätte. Gott schütze diesen edlen Boten Gottes.“ „Dann ist das hier sein Land?“, fragte der Fremde. „Yup!“, antwortete Seaun. „Und er wohnt weiter in diese Richtung?“, fragte der Fremde und deutete nach Westen. „Yup!“, antworte Seaun. Doch irgendetwas an der Art des Fremden bereitete ihm ein Unwohlsein. Und als er in den Lauf eines Colts schaute, wusste Seaun, dass ihn sein Gefühl nicht getäuscht hatte. „Was soll das denn jetzt?“, fragte Seaun. „Das ergibt doch keinen Sinn!“ Der Alte lächelte. „Mein Sohn, nichts ergibt einen Sinn.“ Und dann löschte der Fremde mit einem Zug Seauns Leben aus. Das hatte Seaun sich anders vorgestellt. Er war pleite gewesen. Seine Schweine wären fast verhungert, doch dann hatte ihn Cunningham aufgekauft, ihn angestellt, und alles war zum Besten verlaufen. Und nun war er tot. Nur weil er Cunninghams Namen gepriesen hatte. Aber so war nun mal der Wilde Westen. Die einen hatten nichts und fanden Gold; die anderen hatten Schweine und fanden den Tod. Buchhaltung wird halt nicht mit dem Colt gemacht.

1 Antwort zu „Der Kettenbrief des Todes 8“


  1. 1 Roulett September 12, 2009 um 1:09 am

    Ich merke gerade das ich diesen Blog deutlich öfter lesen sollte- da kommt man echt auf Ideen.


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