Das Blutgericht

Neulich habe ich meinen Fernseher aus dem Fenster geworfen, weil darin eine Kochsendung lief. Ich habe Angst vor Küchen. Der Anblick von Küchen bereitet mir Schmerzen, Kopfschmerzen und dergleichen, aber das ist nicht so schlimm. Meine Atemnot ist irgendwie anstrengend aber erklärbar. Unerträglich sind die Wundmale die erscheinen und augenblicklich zu bluten beginnen, wenn ich eine Küche sehe. Ich will keine Pflaster mehr tragen. Ich bin durch mit dem Thema Pflaster.

Damals hatten wir alle Pflaster. Mindestens zehn Pflaster. Ein Pflaster pro Finger, das war das Minimum. Das gehörte sich so. Ich habe keine Ahnung, wer das einmal in die Welt gesetzt hatte, aber es galt. Pflaster zeugten von Einsatz bis zur Selbstaufgabe. Pflaster zeigten, dass man alles gegeben hatte für das Wohlbefinden der Gäste. Pflaster zeigten, dass man sich geschnitten hatte, oder dass man sich wenigstens ernsthaft verbrannt hatte. Schmerz war keine Grenze. Alles für das Wohlbefinden der Gäste. Das Wohlergehen der Gäste war oberstes Gebot, dafür brachte man Opfer. Das war schließlich unser Job. Unser Job war es, dafür zu sorgen, dass sich die Gäste wohl befanden. Das lag in der Natur der Sache. Für uns selbst haben wir den ganzen Zirkus jedenfalls nicht abgezogen. Schließlich heißt es Gastronomie und nicht Ich-ronomie. Natürlich gab es auch Ich-ronomen, es gibt überall schwarze Schafe, aber die wurden nach spätestens nach einem Tag wohlbehalten und kerngesund entlassen. Alles, was verstümmelt war, blieb. Es gab nur eine Entschuldigung dafür, weniger als zehn Pflaster zu haben, nämlich im Besitz von weniger als zehn Fingern zu sein. In diesem Falle glich es sogar einem Ritterschlag, weniger als zehn Pflaster zu haben, denn es zeigte das höchste Maß an Einsatz, wenn man sich beim Schnippeln oder Hacken selbst einen Finger oder sogar etwas größeres amputiert hatte. Das verwies auf das höchste Niveau von Abgebrühtheit, war aber generell weniger schlimm, als es sich jetzt hier ausnimmt. Alles wuchs ja nach. Ich glaube, das war auch der Grund, weshalb wir „Kitchen Lizards“ genannt wurden. Denn wie der Schwanz bei einer Eidechse, so wuchsen uns Finger, Arme, Beine und Hüftknochen nach. Der Körper gewöhnte sich recht schnell an seine neue Aufgabe, der Wiederherstellung fehlender Gliedmaßen. Mit der richtigen Ernährung und dem angemessenen Training ist so ein Körper in der Lage, zu lernen. Die Wiederherstellung eines abgetrennten Mittelfingers dauerte nach einigen Jahren nicht länger als zehn Minuten. Einmal geriet ich eine Woche lang sogar in eine regelrechte Amputationsroutine, doch irgendwann wuchsen meine Finger schneller nach, als ich sie abtrennen konnte. Damals hatte ich elf Pflaster und ein leichtes Plus auf meinem Amputationskonto. Das war praktisch, wie das ganze Phänomen des Nachwachsens praktisch war. Doch es wäre andererseits auch Unfug gewesen, wenn uns die fehlenden Gliedmaßen nicht wieder nachgewachsen wären. Auch das Nachwachsen der Gliedmaßen lag in der Natur unseres Jobs. Niemand, vor allem nicht die Gäste, deren Wohlbefinden uns das oberste Diktat war, hätte etwas davon gehabt, wenn uns unsere Extremitäten nicht nachgewachsen wären, wenn wir irgendwann nur noch als Torsi zwischen Herd und Grill auf dem Kachelboden rumgelungert hätten. So hätten wir schließlich nichts mehr für das Wohlergehen unserer Gäste tun können. So ging das ja nicht, denn wir waren echte Gastronomen.

Wir, das waren Bulgar, Scary-Hairy, Neujahr und ich. Gestatten: Mein Name ist Garlica Pomodoro Onionus Olio Pimm – genannt: Das Knob-Loch.

Zu jener Zeit stopfte ich alles in mich hinein, was den anderen Dreien rein olfaktorisch suspekt vorkam. Das war zwar ein schmutziger Job, aber einer musste ihn erledigen. Jedes Gericht, das die Küche verließ, musste ausgiebigen sensitiven Tests unterzogen werden. Das war unsere Pflicht, denn, wie schon erwähnt, stand das Wohlbefinden der Gäste über allem, und dazu zählte unter Anderem auch, sie keimfrei zu halten und sie keinerlei toxischen Substanzen auszusetzen, wie etwa umgekippter Sahne, verrottetem Gemüse oder sonnenverwöhnten Fischfilets. Wenn den anderen Dreien nun etwas geruchsmäßig nicht geheuer vorkam, dann hatte das in aller Regel eine von zwei möglichen Ursachen: Entweder, das Gericht war annähernd tödlich, oder es war köstlich. In der gehobenen Küche, derer wir uns zweifelsohne verpflichtet fühlten, kann man den einen oder den anderen Zustand lediglich anhand des Aromas nicht immer eindeutig bestimmen. Doch in dem einen wie dem anderen Fall konnte ich als personifizierter Geschmacksindikator nur verlieren. Entweder, ich kippte um, oder ich verlor ob des unerwarteten Genusses derart die Beherrschung, dass ich den halben Teller leer aß. Da Gäste jedoch in aller Regel nicht so blöd sind, wie sie einem im ersten Moment ihres Erscheinens erscheinen, bemerkten sie die unangemessenen Portionen und die Schnitt- und Gabelstichspuren auf ihren Anrichtplatten umgehend, und ließen das Gericht zurückgehen. Um dieses Manko an Wohlbefinden des von mir für dumm verkauften Gastes zu sühnen, fühlte ich mich in der Folge verpflichtet, mich an einer unversehrten Stelle meines Körpers zu verstümmeln. Es war an stressigen Tagen gar nicht so einfach, das Auffinden einer unversehrten Körperregion, und hatte oft eine Verletzung in der Leistengegend zur Folge. Wie auch immer jedenfalls die professionelle Verkostungen ausgingen, eines war unvermeidbar: Zum Ende einer Schicht stank ich wie ein Komodoveran nach dem Genuss einer Herde längst verstorbener, von Gasen aufgeblähter Rinderkadaver. Daher mein Spitzname.

Bulgars echten Namen kannten wir gar nicht. Wir wussten generell nur sehr wenig von ihm. Er war ein Zweimetermann aus einem nicht näher spezifizierbaren slawischen Landstrich. Feste, dunkle Haare umrahmten sein rundes Gesicht, in dem schwere Lider seine Augen verdeckten, und dunkle Lippen annähernd bewegungslos blieben. Der Grund dafür war, dass Bulgar nur sehr wenig sprach. Sein Alltagsdeutsch war so schlecht, dass ihn niemals jemand etwas fragte, weil allen die Geduld fehlte, die Antwort abzuwarten. Daher auch die mangelhafte Kenntnis seines persönlichen Backgrounds und die ungenaue Ortung seiner Herkunft. Sein Küchendeutsch war dagegen hervorragend. Er konnte akzentfrei die Wörter „köstlich“ und „schmutzig“ aussprechen – mehr braucht man in einer Küche wirklich nicht. „Köstlich“ rief er, wenn er den Finger in eine Suppenterrine steckte und ihn ableckte. Wenn er dagegen Zeuge wurde, wie ich nach der Kostprobe eines fragwürdigen Gerichts nach Luft ringend aus den Latschen kippte, rief er: „Schmutziger Moment!“ Folgte man Bulgars Ausrufen, so kam ein gut besuchter Samstagabend nach einer Woche betrieblicher Flaute einer Aneinanderreihung schmutziger Momente gleich.

Hairy hieß eigentlich Michael. Er war neunundsechzig Jahre alt. Jedenfalls in den drei Jahren, in denen er mit uns zusammen arbeitete war er neunundsechzig. Ich habe keine Ahnung, wie lange vor unserer gemeinsamen Zeit er schon neunundsechzig war, und ich habe auch keine Ahnung, wie alt er wohl jetzt sein mag. Wahrscheinlich hatte er Angst, seinen Job zu verlieren, wenn er uns sein tatsächliches Alter verraten hätte. Seine private Garderobe, seine Oldtimersammlung und seine Vorliebe für Martinis ließen auf jeden Fall den Schluss zu, dass sich Michael einen Rentenbezug nicht hätte leisten können. Lässt man sein Alter aber mal beiseite, hatte Michael tatsächlich guten Grund, um seinen Arbeitsplatz bei uns zu fürchten, denn er war nicht mehr in der Lage, alles für das Wohlergehen der Gäste zu geben. Deshalb stand er auch meistens, wenn er sich unbeobachtet fühlte, in einer Ecke und schnitt sich mutwillig in die Finger, und wenn einmal ein Essen von einem unzufriedenen Gast wieder zurückkam, musste ich mich beeilen, mich zu verletzen, bevor Michael das Metzgerbeil finden konnte. Denn trotz all seiner Unzulänglichkeit im Rahmen der Küchenarbeit war er doch sehr gewissenhaft. Auch wenn er nicht alles geben konnte, so trennte er sich doch von vielem.

Michael war ein in sich zusammengesunkener, ehemaliger Briefmarkenhändler. Es war Passion, die ihn seinen alten Job hatte ausüben lassen, bis ihn eines Tages eine Gräser- und Pollenallergie in Form eines immer wiederkehrenden Heuschnupfens heimsuchte. Nach eigenen Aussagen waren es Briefmarken im Wert von mehreren Tausenden, die er hinter schwere Regale und zwischen uralte Holzbohlen nieste, bevor er sich endlich zu dem Schritt entschloss, seinem Beruf den Rücken zu kehren und seine zweite, zu einem Hobby verkommene Passion zu seinem Broterwerb zu machen: Das Tellerwaschen.

Und Michael war gut in seinem Job. Er wusch schneller Teller als irgendein anderer, weshalb wir ihn bald mit anderen Aufgaben betrauten, einfach nur, um ihn zu beschäftigen. Doch ob Teller oder Briefmarken: Irgendetwas fehlte ihm. Das konnte man nicht nur daran erkennen, dass sein ehemals athletischer Körper immer mehr verkümmerte, sondern vor allem an dem Ausdünnen seiner einstmals vollen, silbernen Haarpracht. Immer dünner und spiddeliger schwebte sein Haupthaar wild um sein Denkerhaupt. Nach und nach gewannen wir den Eindruck, er würde Altweibersommer auf seinem Kopf mit sich herumtragen. Das war auch der Grund, weshalb wir schließlich alle alberne Kopfbedeckungen während der Arbeit tragen mussten. Doch vor allem brachte diese psychosomatische Reaktion Michael seinen Spitznamen ein: Scary Hairy.

Neujahr hieß dagegen wirklich so. Er machte alles zu langsam und kam immer zu spät. Dieses Lebensthema zeigte sich schon bei seiner Geburt, denn ursprünglich hätte er Sylvester heißen sollen.

Es war uns anfangs nicht ganz klar, warum Neujahr überhaupt eingestellt wurde, doch da er gelernter Metzger war, hielten wir es für eine gute Idee, ihn das Fleisch auf den Tellern anrichten zu lassen. Das stellte sich schnell als Schnapsidee heraus, denn Neujahr drapierte die Wurst auf das Curryketchup und die Burgerbouletten auf die zusammengelegten Brötchen. Weil Scary Hairy, der eigentlich für die Kontrolle der rausgehenden Gerichte eingeteilt war, meistens in einer dunklen Ecke damit beschäftigt war, sich zu verstümmeln, gingen die fehlerhaft angerichteten Teller zu den Gästen, was Beschwerden und anschließendes rituelles, kollektives sich Schneiden zur Folge hatte.

Doch was sollten wir mit Neujahr tun? Stellt man sich den Küchenbetrieb aus der Perspektive eines Tellers vor, so gleicht das ganze Geschäft einem Kreislauf: Teller werden angerichtet, in den Gastraum getragen, leer geputzt, zurück in die Küche getragen, gewaschen und aufs neue angerichtet. Aus dieser Perspektive des Tellers heraus betrachtet, war es wirklich unmöglich, Neujahr für eine sinnvolle Arbeit einzuteilen. Er richtete auf dem Schneidebrett an, von dem der vorgewärmte Teller längst abgeholt und in den Gastraum getragen wurde, oder er wusch saubere Teller und stellte diese dann auf den kurz zuvor von ihm selbst angerichteten Gerichten ab. Zwischendurch steckte er sich, unverständliche Entschuldigungen murmelnd, diverse Küchenwerkzeuge in den Leib. Ich trug mich schon seit längerem mit dem diffusen Gedanken, dem Küchendienst den Rücken zu kehren.

Doch das Ereignis, das mich entgültig in meiner Entscheidung bestärkte, ereignete sich an einem Montagmorgen. Ich war gerade damit beschäftigt, die Reste des Wochenendes einer geschmacksmäßigen Grobsondierung zu unterziehen, als Scary Hairy, ungewohnt nachlässig gekleidet und ohne Kopfbedeckung, in die Küche gerannt kam. Er hatte sich Tags zuvor beide Hände amputiert und war deshalb zu vielem nicht in der Lage – unter anderem, sich eine Kochmütze aufzusetzen. Irgendwie hatte er es aber doch geschafft, sich zu kämmen, weshalb seine Haare besonders fluselig umherschwebten. Ich wollte gerade Luft holen, um ihn zu begrüßen, atmete aber statt dessen eines von Hairys Haaren ein. Sie sind fein, aber fest und spitz, und mein Körper reagierte sofort mit Atemnot. Blau angelaufen wälzte ich mich auf dem Küchenboden. „Schmutziger Moment!“ rief Bulgar als er mich sah und rammte mir profilaktisch ein Messer in den Leib. Während dessen kam Neujahr um die Ecke, um ein Schnitzel in eine Pfanne zu legen, in der das Fett schon seit einer Stunde brutzelte. Es zischte und spritzte, das Schnitzel verkohlte, und siedendheiße Flüssigkeit benetzte augenblicklich mein ganzes Gesicht. Das ließ Bulgar in einen vorsorglichen Blutrausch geraten, in dem er erst Hairy enthauptete und anschließend sich selbst entmannte. Ein riesiges Geschrei folgte daraufhin, das erst nach geschlagenen zwei Stunden verstummte, weil Neujahr erst dann auf die Idee kam, einen Krankenwagen zu rufen. Hairy und Bulgar waren mittlerweile schon verblutet.

Ich konnte gerettet werden. Aber ich kehrte nie wieder in die Küche zurück. Jetzt bin ich Marktschreier, zumindest nach meinen Papieren. Offiziell bin ich beurlaubt, denn es wird noch einige Zeit vergehen müssen, bis mein offener Mund das Aroma von Aas und Fäulnis abgelegt haben wird. Außerdem bin ich sehr schwach geworden, denn ich esse fast nichts mehr. Die meiste Nahrung wird in irgendwelchen Küchen hergestellt, und das ertrage ich nicht.

Doch ich freute mich auf meinen Urlaub. Ich dachte, ich würde endlich die Zeit finden, im Fernsehen all die Sendungen zu sehen, von denen alle ständig reden. Aber im Fernsehen stehen ständig Menschen in irgendwelchen Küchen. Ich ertrage das nicht. Ich bin für mein Leben gezeichnet, das gottlob nicht mehr lange weilen wird.

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